Das letzte Kreuzfahrtschiff hatte Skagway gestern um 21.00 Uhr verlassen und als wir heute um 6.30 Uhr aufstanden, standen schon wieder 4 neue Pötte vor unserer Türe. Das scheint hier tatsächlich jeden Tag so zu gehen.
Wir haben uns aufgemacht zum kleinen Flughafen, wo um 9.00 Uhr unser Flug nach Gustavus abgehen sollte. In der kleinen Schalterhalle betreuen zwei nette Damen 3 Fluglinien, wir waren auf der Air Excursion gebucht. Sie teilte uns dann freudestrahlend mit, dass wir mit ihrem größten Flugzeug fliegen würden und noch ein paar Leute in Haines abholen würden. Das größte Flugzeug ist ein zweimotorige Propellermaschine von Piper für 9+1 (Pilot) Personen und Phil war unser Pilot. Der ca. 50-jährige graumelierte George Cloony-Typ machte einen sehr souveränen Eindruck und so ging es mit Phil ab Richtung Haines. Es war schon sehr interessant zu beobachten, wie "echtes" Fliegen so funktioniert. Der Pilot muss ständig Knöpfe, Schalter und Pedale bedienen, außerdem das Flugzeug auf Höhe und gerade halten. Das Taiya Inlet in dem Skagway liegt, ist praktisch ein großer Fjord und in diesem sind die Windverhältnisse wohl immer besonders schwierig. Bis wir aus diesem Inlet hinaus waren, schlingerte die Maschine ziemlich hin und her und eine von uns war schon froh, als der Flug in ruhigeres "Fahrwasser" kam. Da Phil aber völlig entspannt und fröhlich war, waren wir es auch und nach 15 Minuten erreicht wir Haines und luden noch 5 Personen ein, die ebenfalls nach Gustavus in die Glacier Bay Lodge wollten. Der 2. Teil des Flugs verlief ruhig und fröhlich mit 2 lustigen amerikanischen Damen aus Virginia und Montana, einem Ehepaar aus der Nähe von London und einer jungen Frau aus Anchorage/Alaska an Bord. Auch wenn das Wetter bedeckt war, hatte man immer wieder tolle Ausblicke in die Chilkat Range und die verschiedenen Inlets.
Phil landete das Flugzeug zum 2. Mal sicher und der erste Teil des Abenteuers war überstanden.
Am Flughafen wurden wir abgeholt und in die Glacier Bay Lodge in der Bartlett Cove gefahren, wo wir ein gemütliches Lodgezimmer bezogen und uns gleich mit dem Rangerprogrmm des Tages vertraut machten. Bartlett Cove liegt an der Icy Strait und ist der Ausgangspunkt für Schiffsfahrten in den Glacier Bay National Park.
Glacier Bay Lodge
Zur Zeit der ersten Erkundung der Icy Strait im Jahr 1794 durch Captain George Vancouver war die Glacier Bay bis auf 8 km vollkommen mit Eis bedeckt, das sich seither über 100 km zurückzog und eine 20 km breite Bucht freigab, in die 12 kalbende Gletscher münden. Das Eis kam ca. 1750 mit der größten weltweit bekannten Geschwindigkeit über die Bay. Die Tlingit-Indianer sprechen in ihren Aufzeichnungen davon, dass das Eis in einer Geschwindigkeit kam, mit der ein Hund rennt. Sie verloren innerhalb kürzester Zeit ihren Lebensraum und mussten sich in andere Gebiete retten.
Das Interessante ist nun, dass nach geologischen Maßstäben diese Eiszeit in der Glacier Bay nur sehr kurz dauerte, denn bereits 45 Jahre später war der Gletscher schon wieder 5 Meilen geschmolzen und 85 Jahre hatte er weitere 40 Meilen freigegeben. Heute muss man 65 Meilen in die Bucht fahren um Gezeitenwasser-Gletscher zu sehen. Davon später mehr.
Heute haben wir uns mit Ranger Patrick das Gebiet um die Lodge herum erwandert, welches seit ca. 200 Jahren wieder eisfrei ist und welches sich die Natur in bestimmter Abfolge wieder nimmt. Es wurde genau erforscht, welche Pflanzen und Tiere in welcher Reihenfolge das Land wieder bevölkern und welche Logik dem innewohnt. So entstand und entsteht ein sehr faszinierender Regenwald mit reicher Vielfalt an Pflanzen und Tieren.
Auch die Tlingit-Indianer haben das Gebiet wieder in Besitz genommen und erinnern an ihre Ahnen.
In der Lodge haben wir uns im Rangerprogramm noch einen Film über die Unterwasserwelt der Glacier Bay angeschaut und dann im erstklassigen Restaurant der Lodge auf Einladung der Eulengasse super gespeist. Vielen Dank nochmal dafür!
Da die Fahrt in die Glacier Bay am nächsten Morgen schon sehr früh starten sollte, haben wir uns zeitig und voll Vorfreude in die Betten verzogen.
Wow, was soll man sagen? Was für ein Tag, welches Naturerlebnis. Das bekommt man nicht alle Tage zu sehen. Die äußeren Bedingungen waren nicht so toll, denn es war bedeckt und regnete immer mal wieder. So soll das Wetter in Alaska dem Vernehmen nach halt meistens sein um diese Jahreszeit. Wir haben alle unsere bisher nicht gebrauchten warmen Klamotten ausgepackt und uns mit Skiunterwäsche, Mütze, Handschuhen und wasserfester Funktionskleidung seetauglich gemacht.
Das Schiff ist ein speziell für die Fahrt in Eiswasser konzipierter Katamaran (alle Mittel gegen Seekrankheit sind völlig unnötig, er gleitet ruhig dahin) und wird von einem Parkranger begleitet, der ausführliche Informationen zur Fahrt gibt. In unserem Fall war dies Andrew, der einen super Job gemacht hat und uns viele Informationen und auch viel Nachdenkliches mit auf den Weg gegeben hat.
Andrew bei der Vereidigung seiner "Junior-Ranger".
Was haben wir also erlebt in Kurzfassung: Wir haben Wale gesehen, Weißkopfseeadler, Bergziegen mit Jungen, Papageientaucher und viele andere seltene Vögel, einen sehr seltenen schwarzen Wolf, Otter und Seelöwen. Und das größte waren natürlich die Gletscher, der Grand Pacific und vor allem der Margerie Gletscher, vor dem wir lange standen. Es war absolute Stille und dann knallte es wie Donnerschläge und der Gletscher kalbte in Meer. Unglaublich faszinierend! Das ganze Schauspiel wiederholte sich mehrfach und der Gletscher verändert sich dadurch permanent. Andrew sagte, dass er schon wieder völlig anders aussehe, als bei seinem letzten Besuch vor wenigen Tagen.
Zwischendurch haben wir auch noch eine Gruppe von 4 Leuten mit ihren Kajaks ausgesetzt, die die nächsten Wochen in der Glacier Bay verbringen und dort zelten werden. Gleichzeitig haben wir ein junges Mädchen wieder an Bord genommen, die zu einer Gruppe von Leuten gehört, die dort als Guides ausgebildet werden und die jetzt 12 Tage in der Wildnis verbracht hat. Ranger Andrew hat sie dann über ihre Erlebnisse interviewt und das sind schon noch echte Abenteuer, wie sie bei uns undenkbar sind.
Um zum Schluss nochmal den National Park Trust zu Wort kommen zu lassen: " Glacier Bay, ein wieder geborenes Land, eine Welt, die zum Leben zurückkehrt, eine lebendige Lektion in Widerstandskraft. Wenn wir jemals einen Platz brauchen, der uns fasziniert und inspiriert, der uns hilft zu sehen, dass in der Natur und in uns selbst alles möglich ist, das ist der Platz. Glacier Bay ist eine Heimat, ein natürliches Labor, eine Wildnis, ein Nationalpark ein Biosphärenrreservat der Vereinten Nationen und ein Welterbe. Keine schlechte Zusammenfassung für ein junges Land, ein junges Meer. Erst vor 250 Jahren war Glacier Bay nur Gletscher und keine Bucht. Glacier Bay ist Zeuge des Wandels und der Wiederkehr. Sie lädt uns ein, ruhig zu werden, die kalte Eislauft einzuatmen und sich vorzustellen, wenn auch vielleicht nur für einen Tag, wie wichtig die Natur ist und wie wichtig es ist, sie zu erhalten und zu schützen".
Sehr amerikanisch ausgedrückt, aber deshalb nicht weniger wahr. Wir mussten ans Kyoto-Protokoll denken, auf welchem immer noch die Unterschrift der Amerikaner fehlt - aber das ist eine andere Geschichte.
Abends hatten wir dann noch die Freude mit dem sehr jungen, aber auch sehr vertrauenswürdigen Piloten Steve in einer Piper 32-300 (5+1 Sitze) zurück nach Skagway zu fliegen. Es regnete und war auch recht windig, aber der Flug war trotzdem ganz angenehm. Vor dem Einbiegen in die Taiya Inlet schaute Steve seine Co-Pilotin Christine an und meinte nur: "That will be a bit windy today". Jaaaah,- wir schaukelten durch die Bucht, er drehte eine Runde und trudelte auf die Landepiste zu, setzte uns aber sicher ab. Auf die Frage, ob es in der Bucht immer so windig sei und bis zu welcher Windstärke er die Maschine fliegen könne sagte er, dass Skagway aufgrund der Windverhältnisse der am schwierigsten anzufliegende Airport in Alaska sei, den sie bis 40 Knoten Windgeschwindigkeit anfliegen. Er persönlich sei schon bei 30 geflogen und wir hatten das Vergnügen bei 25. Na ja, wir sind wieder heil unten und es war recht unterhaltsam.
Zwei abenteuerliche Tage gingen zu Ende.
Bis morgen
Christine und Kurt